Zum Inhalt springen

Interview

„Als die Invasion begann, fühlte ich mich erleichtert“

Von

Artikel teilen

Wo lebten Sie, als die Invasion begann?
Ich habe mein ganzes Leben in Saporischschja gelebt.

Für wen haben Sie vor der Invasion gearbeitet?
Ich bin seit 27 Jahren Direktor und Chefredakteur des Verlags Dyke Pole. Wir sind auf Heimatkunde und Geschichte spezialisiert.

Wo wohnen Sie jetzt?
Ich lebe wie zuvor in Saporischschja. Meine Heimatstadt während eines Krieges zu verlassen, erscheint mir irgendwie unkosakisch.

Haben Sie am 24. Februar 2022 geglaubt, dass die Ukraine in der Lage ist, sich zu verteidigen?
Am 23. Februar besuchte mich der 30-jährige Historiker Wolodymyr Paltschykow. Er stammt aus der Region Donezk, wo er ein Haus in einem Dorf unweit der Frontlinie besaß. Wir diskutierten bis Mitternacht über die Möglichkeit einer großangelegten Invasion. Wolodymyr hielt sie für fast unvermeidlich, ich nicht. Um 5 Uhr morgens wachte ich auf und bemerkte, dass in seinem Zimmer Licht brannte. Ich kam herein, er starrte auf sein Smartphone und sagte: „Der Krieg ist ausgebrochen. Ich höre mir Putins Rede an.“

Auch ich habe ein wenig den erbärmlichen Ausreden des Kreml-Diktators gelauscht. Sie ergaben keinen Sinn, entbehrten jeder logischen Grundlage. „Er ist politisch tot“, habe ich gedacht. Und dann fühlte ich mich erleichtert. Die Jahre des schändlichen hybriden Krieges, der Lügen und Beleidigungen waren endlich vorbei.

Putins Unsinn über den „Schutz der Menschen im Donbas“, Merkels und Macrons Gerede, es gebe keine Alternative zum Minsker Abkommen, und die demütigenden Versuche, das ukrainische Volk zu einer Verfassungsänderung zu zwingen, sind vorbei. Jetzt wird allen klar, dass Russland ein Aggressor und Eindringling ist und Putin ein gewöhnlicher Terrorist, mit dem nicht verhandelt werden kann. Jetzt haben wir jeden Grund, unser ganzes Land zu befreien. Und die ganze Welt wird uns helfen. Es wird sehr schwer, aber wir werden gewinnen. All dies ging mir in wenigen Augenblicken durch den Kopf.

Was war Ihr größtes persönliches Problem nach der Invasion?
Ich hatte große Angst um das Leben meiner Tochter und meiner Schwester – sie leben in Kyjiw. Am Morgen des 24. Februar habe ich meiner Tochter gesagt: „Olenka, der Krieg hat begonnen, Kyjiw ist bedroht, ihr solltet mit Ihor – das ist ihr Freund – sofort an einen sicheren Ort fahren.“ Aber welche 25-Jährige gehorcht schon ihrem Vater aufs Wort?

Meine Familie ist in Sicherheit. Aber das Haus meines Freundes Wolodymyr ist völlig zerstört, sein Dorf ist besetzt, und seine Angehörigen sind in alle Winde verstreut.

Glauben Sie heute, dass die Ukraine in der Lage ist, sich zu verteidigen?
Zweifellos ist die Ukraine allein nicht in der Lage, einem bis an die Zähne bewaffneten Feind über lange Zeit Widerstand zu leisten. Wir danken der westlichen Welt, die uns zunehmend mit Waffen, Munition und Ausrüstung unterstützt und unsere Soldaten ausbildet. Immer mehr Länder beginnen zu verstehen, dass der russisch-ukrainische Krieg kein „lokaler Konflikt um umstrittene Gebiete“ ist, sondern ein Kampf um zivilisatorische Werte: Demokratie, Humanismus, die strikte Einhaltung des Völkerrechts.

Glauben Sie, dass die Ukraine den Krieg gewinnt?
Ja. Und der größte Teil der ukrainischen Gesellschaft denkt genauso. Trotz aller Widrigkeiten des Krieges – verlorene Gebiete, zerstörte Städte und Dörfer, Unternehmen, die nicht produzieren können, der allgemeine Niedergang der Wirtschaft, die gestörte Versorgung mit Strom, Wasser und Wärme – klagen die Ukrainer nicht. Die Leute helfen überall: sie melden sich freiwillig, spenden für die Armee, unterstützen sich gegenseitig. Diejenigen, die die Katastrophen des Krieges nicht ertragen können, gehen ins Ausland, dank der Gastfreundschaft der uns freundlich gesinnten Länder.

Seit 300 Jahren hegt das ukrainische Volk seinen Traum der Eigenstaatlichkeit. Unter keinen Umständen wird es seine Unabhängigkeit aufgeben, es wird nicht in die Sklaverei zurückkehren. Ich bin mir sicher – ob es früher wird oder später: Die ukrainische Armee wird die international anerkannten Grenzen unseres Landes wiederherstellen.

Auch die Krym?
Ja, einschließlich der Krym. Ich trenne die Rückgabe der Halbinsel nicht von der Befreiung anderer Gebiete der Ukraine. Die beschämenden, grotesken Referenden im Donbas und in Teilen der Regionen Saporischschja und Cherson unterscheiden sich nicht von der Volksabstimmung auf der Krym unter der Aufsicht bewaffneter „grüner Männchen“.

In Deutschland sagen manche, die Ukraine solle kapitulieren, um weiteres Leid zu verhindern. Was halten Sie von einem solchen Vorschlag?
Das ist eine völlig falscher Vorschlag. Für die Ukraine ist das in jeder Hinsicht unannehmbar. Viele Menschen im Westen verstehen das Wesen des russischen Faschismus nicht.

Haben Sie das Gefühl, sich seit der Invasion persönlich verändert zu haben?
Meine Ansichten haben sich nicht geändert, außer dass ich zu dem bitteren Schluss gekommen bin, dass die Welt viel grausamer ist, als ich dachte. Aber psychische Veränderungen sind unvermeidlich. Wenn du mit deinem Hund auf der Insel Chortyzja spazieren gehst und eine iranische Drohne über dich hinwegfliegt, kann es dich nur verändern. Ich habe angefangen, mehr im Heute zu leben. Ich mache keine weitreichenden Pläne mehr.

Einerseits wirst du den gewöhnlichen Freuden des Lebens gegenüber verschlossener, andererseits schätzt du diejenigen, die dich lieben und die du liebst, noch mehr. Und es ist schwer, nicht ständig die Nachrichten zu verfolgen.

Was ist Ihr größter Wunsch?
Unser Sieg. Und zwar mit dem geringsten Verlust an Menschenleben. Und dann ist da noch die erfolgreiche Entwicklung einer befreiten Ukraine auf der Grundlage von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Neben dem Kampf gegen den äußeren Feind haben wir viele Aufgaben im Innern: die grundlegende Reform des korrupten, oligarchischen politischen und wirtschaftlichen Systems, der Gerichte, der finanziellen Beziehungen zwischen Staat und Unternehmen in der Ukraine.

Was würden Sie heute tun, wenn die Invasion nicht stattgefunden hätte?
Ich würde meiner Lieblingsarbeit nachgehen – Bücher über die Region Saporischschja veröffentlichen.

Woran arbeiten Sie gerade?
Jetzt, wo 80 Prozent der Region besetzt sind, sind meine Aktivitäten räumlich stark eingeschränkt, ganz zu schweigen von dem schrumpfenden Markt und der geringeren Nachfrage. Meine Lieblingsorte, die Naturschutzgebiete am Asowschen Meer, das weltberühmte historische und archäologische Reservat Kamjana Mohyla, wurden von russischen Truppen erobert.

Aber wann immer es möglich ist, veröffentliche ich Literatur- und Musiksammlungen lokaler Autoren. Kürzlich habe ich eine interessante Studie über die Architektur der Nachbarstadt Dnipro herausgebracht.

Werden Sie der russischen Armee jemals verzeihen können?
Wenn alle, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, die geraubt haben und an Plünderungen in der Ukraine beteiligt waren, bestraft werden, wenn der russische Staat die Ukraine für alle Schäden entschädigt hat, wenn er die Unrechtmäßigkeit und das Verbrecherische seines Überfalls anerkennt, dann kann die Zeit der Vergebung kommen.

Soll die Ukraine mit Russland verhandeln?
Boris Johnson, ein großer Freund der Ukraine, hat diese Frage am besten beantwortet: „Verhandlungen mit Putin zu führen, ist wie mit einem Krokodil zu verhandeln, das sich an dein Bein geklammert hat. Wie kann man mit einem Krokodil verhandeln, wenn es dein Bein im Maul hat? Das ist die Schwierigkeit, vor der die Ukrainer stehen. Wir müssen sie weiterhin mit Waffen versorgen.“ Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

Haben Sie Angst vor einem Atomangriff?
Weniger als am ersten Tag der russischen Invasion. Die Führungen der USA und Großbritanniens haben gemäß dem von Putin missachteten Budapester Memorandum entscheidende Erklärungen zum Vorgehen dieser Länder im Falle eines russischen Einsatzes von Atomwaffen abgegeben. Daher hoffe ich, dass der Kreml nicht selbstmörderisch ist.

Neueste Artikel

Faktor Druk macht weiter

Vor gut einer Woche wurde eine der größten Druckereien der Ukraine von einer russischen Rakete getroffen. Auch KATAPULTU wurde dort gedruckt. Trotz der sieben toten Mitarbeiter macht der Betrieb weiter. Ein Besuch bei Freunden.

Chinafreundliche Staaten hinter den US-amerikanischen Defensivlinien

Durch Partnerschaften mit Nauru, Kiribati und den Salomonen gewinnt China an Einfluss im Pazifik und macht dadurch die USA nervös. Daran ändert sich auch nach dem jüngsten Premierswechsel auf den Salomonen nichts.

Buchbinderei von Faktor Druk in Charkiw zerstört

KATAPULTU wurde mehrfach bei Faktor Druk in Charkiw gedruckt. Gestern wurde unsere Druckerei von einer Rakete getroffen.