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Ärzte im Kriegsgebiet

Der Netzwerker

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Dr. Yaser Alsaidi ist eigentlich Hirnchirurg. Aber er wird an anderer Stelle gebraucht. Der Palästinenser hat eine Fähigkeit, die nur wenige Menschen haben – Netzwerken. Alsaidi hat in der Ukraine eine riesige medizinische Plattform aufgebaut: Weltgesundheitsorganisation? Yaser Alsaidi ist ihr Botschafter. 

UNHCR, Rotes Kreuz, Ärzte ohne Grenzen, das ukrainische Gesundheitsministerium und Unicef – der Palästinenser koordiniert diese Organisationen und pendelt zwischen Erste-Hilfe-Station und Militärkrankenhaus, das direkt neben dem Bahnhof von Lwiw liegt. Zuvor arbeitete Alsaidi in Charkiw, Cherson, Odesa und einigen anderen Städten. Er ist einer der  Koordinatoren des ukrainischen Gesundheitswesens und schickt Patienten ins Ausland, um sicherzustellen, dass deren medizinische Behandlung fortgeführt werden kann.

Der Schreibtisch von Dr. Yaser Alsaidi in der Erste-Hilfe-Station Lwiw

Letztes Jahr besuchte Angelina Jolie Lwiw. Wer war den Tag über an ihrer Seite? Yaser Alsaidi. Sein Instagram-Konto ist seitdem explodiert. 186.000 Follower hat er dort. Wie vielen folgt er? Null. Auf die Frage, warum das so sei, antwortet er, dass er sich dafür nicht so sehr interessiere. „Die Follower sind halt irgendwann mal gekommen.“

Es gibt viele Menschen, die helfen wollen, Menschen, die Hilfsgüter in die Ukraine bringen möchten. Was sie aber nicht wissen: Wer braucht eigentlich welche Güter? Was hilft wirklich? Vielleicht ist Ibuprofen gerade Mangelware an der Front und Desinfektionsmittel gibt es im Überfluss. Vielleicht ist es auch andersherum. Die Lage kann sich schnell ändern. Genau solche Fragen müssen beantwortet werden, bevor Hilfe organisiert wird. Und genau diese Lücke füllt Yaser Alsaidi.

Auch wenn es in der Westukraine derzeit keine Kampfhandlungen und nur wenig Raketenbeschuss gibt, haben die Menschen hier Probleme. Als die Invasion begann, kamen viele in das Erste-Hilfe-Zentrum, weil sie panisch waren.

Auch Panik muss behandelt werden, erklärt der Arzt. Heute ist die Lage eine andere. Viele Menschen kommen aus dem Ausland zurück. Einige sind ausgebrannt, andere wissen nicht, wohin mit ihren Emotionen.

Mitten in unserem Gespräch platzen zwei Engländer in die Erste-Hilfe-Station. „Wo ist Dr. Yaser?“ Sie organisieren Hilfslieferungen und evakuieren Menschen aus den Kriegsgebieten der Ostukraine. Geld sei nicht immer genug da, erzählen sie, die Unterstützung habe nachgelassen in den letzten Monaten.

Frewilligenhelfer Ewen Bray (r.) von Reactaid besucht das Büro

Es sind wohl genau diese kleinen ukrainischen und auch ausländischen Hilfskonvois, die die Ukraine am Leben halten. Sie bilden eine Hilfslinie direkt hinter der Front. Sie versorgen das Militär, aber auch für die Menschen, die noch in den Kampfzonen leben. Die zivilen Konvois pumpen Nahrungsmittel und Medizin in die Frontgebiete. Das macht einen Unterschied, weil die russische Seite über solche Unterstützung nicht in diesem Ausmaß verfügt. Sie muss sich ihre medizinische und humanitäre Versorgung selbst organisieren.

Warum kommt ein Arzt aus Palästina in die Ukraine und macht das alles? Er kenne das Leid aus seiner Heimat, sagt Alsaidi. Er weiß, was gebraucht wird. Er kennt die Situation. In die Ukraine kam er aber schon vor der Invasion. Nach Charkiw. Dort hat er sein Studium absolviert und Russisch gelernt. Heute spricht er auch Ukrainisch und vier weitere Sprachen.

Dieses Sprachtalent ist wohl der Schlüssel zu seiner seltenen Fähigkeit. Netzwerken verlangt Kommunikation. Und Kommunikation ist Yaser Alsaidis Stärke. Sie ist viel wichtiger, als man zunächst glaubt. Denn: Eine dringend benötigte Packung Schmerzmittel ist mehr wert als Tausend überflüssige Flaschen Desinfektionsmittel.

Autor:innen

studierte Politikwissenschaft und gründete 2022 KATAPULT Ukraine

Veröffentlichungen:
Die Redaktion (Roman)

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