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Kunst als politische Ausdrucksform

Kunst als Widerstand: Wie Street Art den Menschen hilft, mit Kriegszeiten umzugehen

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Texte und Zeichnungen an Wänden begannen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der Weltkunst zu spielen. Street Artists nutzen sie als kürzesten Weg, um mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu kommen. Bildergalerien entstanden auf Zäunen, verlassenen Gebäuden, öffentlichen Verkehrsmitteln und weiteren städtischen Flächen.

Graffiti in Kriegszeiten kann unterschiedliche Bedeutungen und für eine Vielzahl von Zwecken eingesetzt werden. So Beispielsweise als Ausdrucksform politischer Ansichten, ideologischer Überzeugungen sowie der Kritik an der Regierung oder dem Gegner. Graffiti kann ebenfalls dazu dienen, wichtige Botschaften wie Sicherheitsinformationen, Standorte von Schutzräumen und humanitäre Hilfe zu übermitteln, wie es aktuell in der Ukraine passiert.

Darüber hinaus kann Graffiti als ein psychologisches Kriegsführungsinstrument eingesetzt werden. Street Art kann Macht und Einfluss demonstrieren und durch Erinnerungen an Verluste und Zerstörungen, Gegner destabilisieren. In einigen Fällen kann Graffiti als Mittel zur moralischen Unterstützung der eigenen Truppen dienen, indem es ihre Stimmung hebt und die Hoffnung auf den Sieg stärkt.

Jedoch ist zu beachten, dass Graffiti in Kriegszeiten als illegale Handlung betrachtet werden kann, insbesondere wenn es auf privatem oder öffentlichem Eigentum angebracht wird. Graffiti kann für diejenigen, die es anbringen, gefährlich sein. Besteht doch die Gefahr der Entdeckung oder Verfolgung durch den Kriegsgegner.

Ein wenig Geschichte.

Als eine Form politischer Konfrontation begannen Ukrainer:inner erstmals während der Besetzung der Regionen Donetsk und Luhansk durch russische Truppen im Jahr 2014 aktiv Street Art in der Ostukraine zu nutzen. Zu dieser Zeit gründete der lokale Künstler Sergey Zakharov die Kunstgruppe „Murzilka“. Ihr Ziel war es mit der Veröffentlichung von Zeichnungen die Protestbewegung der Ukrainer:innen gegen das neue Regime darzustellen.

Zakharov bereitete alle seine Werke zu Hause vor und platzierte die Installationen dann an hoch frequentierten Orten im besetzten Gebiet. Der Künstler fotografierte die Werke und verbreitete die Fotos über soziale Medien. Menschen außerhalb der DNR konnten so sehen, dass die Stadt sich gegen die russische Besatzung wehrte. In dieser Zeit waren Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter die einzigen Kommunikationsmittel.

Zu einem der bekanntesten Werke zählte das Bild von Igor Girkin "Strelkov" (damals selbsternannter Verteidigungsminister der DNR). Der Kriegsverbrecher wurde mit einer Waffe an seiner Schläfe dargestellt und der eindeutigen Inschrift "Just do it".

Auch ein Kämpfer mit einer Novorossiya-Flagge und einer Clownsnase, der eine Maschinenpistole hielt, tauchte darauf auf. Ein weiterer "Separatist" sah die Passant:innen mit den Augen eines Außerirdischen an, der Tod von Novorossiya zeigte eine Zeichnung einer abgeschossenen malaysischen Boeing und ein beleibter Kommandeur namens Motorola grinste neben einer riesigen Braut - all diese Zeichnungen begannen frühmorgens an belebten Orten in Donezk aufzutauchen. Sergei Zakharov zahlte für diese Werke mit zwei Monaten Gefangenschaft in den Kellern der DNR.

"Ich wollte überprüfen, wie die Menschen reagieren. Und mir gefiel die Reaktion: Die Leute kamen heran, fingen an, Fotos zu machen. Jetzt ist die Situation so, dass niemand sich gegen die DNR ausspricht, als ob alle dafür wären. Es stellte sich heraus, dass es immer noch Menschen gibt, die anders denken, Gegner dessen, was geschieht." Dies teilte Sergei Zakharov internationalen Journalisten mit, nachdem er aus der Gefangenschaft entlassen wurde.

Bald darauf verließ der Künstler das besetzte Gebiet und setzte seinen Protest über die Fragilität des russischen Regimes fort, indem er seine Ausstellungen in Städten an der Front und in europäischen Ländern präsentierte.

Im Februar 2022 ist Street Art in der Ukraine wieder aktiv und behandelt das Thema der russischen Verbrechen, obwohl sich die Territorien von Zeichnungen und Installationen bereits in der gesamten Ukraine ausgebreitet haben, wie in Chernihiv, Sumy und Kyiv. Auch andere große Städte des Landes haben neue Kunstobjekte an den Wänden und Zäunen erhalten.

Insbesondere in Charkiw tauchen wiederholt neue Bilder und Inschriften an den Wänden auf. Verschiedene Werke sind an den Gebäuden selbst oder auf Sperrholzplatten zu finden, welche die Löcher durch russische Raketenangriffe verdecken. Selbst auf dem Asphalt in der Nähe von Kratern sind Einschläge von feindlichen Granaten zu sehen.

"Wofür braucht man so eine Blume?"

Der Autor Hamlet Zinkovsky, ist einer der bekanntesten Street Artists in der Ukraine. In der Stadt gibt es etwa hundert seiner Werke. Er wird auch als der „ukrainische Banksy“ bezeichnet und ist neben der Ukraine auch international bekannt.

"Ich kann nicht so tun, als ob nichts passiert.

Ich schätze den Beitrag dieser Jungs, der Männer, die mich schützen. Sie schützen das Land und mich insbesondere. Ich bin ein Teil des Landes", gab der Künstler Hamlet Zinkovsky aus Charkiw in einem Interview zu.

"Ich erinnere mich an die leisen Nächte.. Sie werden wiederkommen!"

Der Künstler aus Charkiw beschloss, nicht mit seiner Arbeit aufzuhören und weiterhin verschiedene Kunstobjekte in der Stadt zu schaffen. Während seine Zeichnungen zuvor im Auftrag städtischer Behörden übermalt wurden, erhält der Autor nun Nachrichten auf Social Media, wie diese von den Einwohnenden: "Hamlet, es ist so schön zu sehen, wie das Leben mit dir nach Charkiw zurückkehrt".

Um Gelder für die ukrainische Armee zu sammeln, verkauft Hamlet einige seiner Werke und Gemälde über Wohltätigkeitsauktionen. Eine seiner Installationen, eine gepanzerte Platte, die Hamlet von den Soldaten geschenkt bekommen hat, wurde für 260.000 Hrywnja verkauft. Der Erlös verhalf 41 ukrainischen Soldaten zu neuen Winteruniformen. Hamlet signierte seine Installation mit den Worten: "Alle Russen schauen sich diese Reibe an".

Was in der ukrainischen Hauptstadt passiert:

Wandgemälde sind eine weitere Form von Street Art, die die Ereignisse des Krieges mit Russland dokumentieren. Eines der bekanntesten ist "Saint Javelina" im Zentrum von Kyiv in der Antonovycha-Straße. Das Wandgemälde entstammt einer Skizze des berühmten Memes von Christian Borys, einem kanadischen Journalisten ukrainischer Herkunft. Zu Beginn des Krieges verhalf das Bild der Stiftung "Help us Help" zu einer 1 Million Dollar Spenden zur Unterstützung Betroffener von Gewalt in der Ukraine. Javelin ist mit einem FGM-148 Javelin Panzerabwehrraketensystem in den Händen zu sehen.

Ein weiteres berühmtes Wandgemälde in Kyiv trägt den Titel: "Krieger, der die Flagge der Ukraine näht". Der Künstler ist Oleksandr Korban, der es in Obolon anbrachte. Es zeigt die Hände eines Soldaten, der die Flagge der Ukraine näht. Das symbolische Gemälde entstand während der Befreiung von Irpin und Bucha. Der Ort hat nicht nur für Einheimische Symbolcharakter, sondern ist aufgrund einer Vielzahl von Live-Übertragungen vor der Wand zu einer Anlaufstelle für ausländische Touristen und internationale Journalisten entwickelt.

Wie ist die Ukraine mit der Welt der Street Art verbunden?

Auch internationale Street-Art-Stars kommen oft, um ihre Unterstützung für die Ukrainer zum Ausdruck zu bringen. Christian Gamy ist ein berühmter französischer Street-Art-Künstler, der auch unter dem Pseudonym C215 bekannt ist. Er hinterließ eine Reihe von pro-ukrainischen Graffiti an kaputten Gebäuden in Lemberg, Schytomyr und der gesamten Region um Kyjiw. In einem davon porträtierte Gamy sogar seinen Sohn Gabin in einer ukrainischen Vyshyvanka.

Kristan hinterließ in Lemberg ein Graffiti-Doppel. Vorbild ist ein Wandgemälde, das der Künstler Anfang März 2022 an der Wand eines Pariser Hauses gemalt hatte. "Die Wand, die auf meine Initiative hin zur Unterstützung ukrainischer Geflüchteter bemalt wurde,...die Wand, die mich im März in die Ukraine brachte. Und die Wand, die später im April, mein Leben veränderte", schrieb Gamy auf seinen Social-Media-Kanälen.

Banksys Graffity, an der Wand des abgerissenen Hauses in Borodianka, wurde von Ukrposhta anlässlich des Jahrestages der vollständigen Invasion Russlands als Briefmarke herausgegeben. Die Marke zeigt einen Mann ähnlich Vladimir Putin, der nach einem Wurf seines Rivalen auf einem Tatami davon fliegt. In der unteren linken Ecke der Briefmarke befindet sich eine unzensierte Botschaft an den russischen Präsidenten. 250.000 Bögen mit jeweils 6 Briefmarken werden für 180 UAH verkauft. Wovon 42 UAH als Spendengelder für Wohltätigkeitsorganisationen verwendet werden. Die gesammelten Gelder werden für den Wiederaufbau von Bildungseinrichtungen genutzt, die durch russische Raketenangriffe zerstört wurden.

Das Graffity Banksys in der Ukraine ist nicht das erste Mal, dass der Brite seine Unterstützung für das ukrainische Volk zum Ausdruck bringt. Im vergangenen März wurde eine Reproduktion eines der bekanntesten Anti-Kriegs-Werke des Künstlers, CND Soldiers, bei einer Auktion für 106.505 US-Dollar verkauft. Die gesamte Summe wurde von Banksy an das Kinderkrankenhaus Okhmatdet in Kyiv gespendet.

Street Art in Kriegszeiten ist für Künstler:innen oft schwer durchführbar und bringt ein hohes persönliches Risiko mit sich. Die anhaltenden Konflikte beeinflussen zudem auch die Sichtbarkeit ihrer Werke. Ob durch das fehlende Publikum oder die Zerstörung ihrer Kunstwerke, wirkt sich der Krieg auch auf die Kunstfreiheit aus.

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