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Kleinunternehmer im Krieg

“Wir haben unsere Waren um 5 Uhr morgens heimlich nach Hause geholt”

Von und

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Vor einem halben Jahr hat die 33-jährige Lillia Prokopiv ihr Geschäft in der Stadt Vysokopyllia in der Region Cherson wiedereröffnet. Ihr Familienunternehmen ist schon 20 Jahre alt. Die Familie hatte zwei Geschäfte, in denen sie Schreibwaren und Haushaltsartikel verkauft haben. Anfang März 2022, als die russischen Soldaten die Stadt besetzt haben, musste Lillia ihre Geschäfte schließen. Die Infrastruktur der Stadt ist zerstört; die meisten Unternehmen wurden von russischen Soldaten geplündert.

“Seit dem ersten Tag der Besatzung hat das russische Militär allen verboten zu arbeiten und die meisten Unternehmen zu russischem Eigentum erklärt. Meiner Mutter haben sie gedroht, ihre Finger abzuhacken. Sie haben uns auch verboten, unser Haus zu verlassen, aber wir haben die Waren nach und nach mit unseren Fahrrädern und aus dem Laden nach Hause gebracht - um fünf Uhr morgens, auf eigene Faust, mit viel Angst und großem Risiko”, erzählt Lillia. 

Die Familie konnte aber nur einen Teil der Waren retten und verstecken. Alles andere wurde von russischen Streitkräften gestohlen. Nach der Befreiung der Stadt durch die ukrainische Armee hat Lillia angefangen, ihr Unternehmen wieder aufzubauen - zumindest eins davon.

Das Gebäude eines der Geschäfte wurde durch eine russische Rakete vollständig zerstört. Bei ihrem zweiten Geschäft ist eine Rakete durch die Wand geflogen und hat sie zerstört. Lillia führte die notwendigen Reparaturen selbst durch.  

“Für Reparatur haben wir mehr als tausend Euro abgegeben. Wir haben auch Generator gekauft, denn wegen des ständigen Beschusses haben wir oft keinen Strom. Zur Beheizung des Raumes wurde ein Holzofen installiert”, erzählt Lillia weiter.

Wegen der Besatzung hat Lillias Unternehme erhebliche Verluste erlitten. Die russische Armee hat ihren Angaben zufolge aus beiden Unternehmen Waren im Wert von 100.000 Euro gestohlen. “Und das ist noch zu den alten Preisen, jetzt ist es alles zweimal teurer." Weil es kein Geld gibt, um alle Produkte wieder zu kaufen, konnte sie ihre beiden Geschäfte nicht wieder vollständig aufbauen, erklärt Lillia. 

Nur eines hat sie bisher wiedereröffnet. Aber Nettogewinn macht sie damit nicht. Alles, was sie verdient, investiert sie in den Kauf neuer Waren. Außerdem gibt es in der Stadt jetzt deutlich weniger Kunden - derzeit leben hier bis zu 500 Menschen, vor der vollständigen Invasion waren es 4.000.

“Wir verkaufen im Moment notwendige Waren. Jetzt gibt es Nachfrage an Folien und Nägeln. Die Häuser sind von russischen Raketen zerstört, deshalb kaufen die Menschen alles, um die Fenster zu reparieren. Weil ihre Häuser geplündert wurden, brauchen die Leute auch Teller und Tassen von uns. Sie können nicht in andere Städte zum Einkaufen fahren, weil ihre Autos gestohlen wurden”, erzählt Lillia.

Lillia sagt, dass sie in naher Zukunft nicht in der Lage sein wird, ihr Geschäft vollständig wieder aufzubauen, da dies eine beträchtliche Summe Geld erfordert. Die einzige Möglichkeit, wieder Gewinne zu erzielen, besteht darin, eine Entschädigung für das zerstörte Geschäft zu erhalten. Das ist nur möglich, wenn Russland Reparationen an die Ukraine zahlt. 

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