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Reportage

Ein Land im Erste-Hilfe-Modus

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Die Ukraine befindet sich bereits seit mehr als einem Jahr im Krieg. Die russischen Raketenangriffe sind nach wie vor massiv, daher ist die Fähigkeit zur Erste-Hilfe-Leistung immer wichtiger geworden. Die Bevölkerung wird entsprechend geschult. Jeden dritten Freitag im Monat werden kostenlose Erste-Hilfe-Übungen in zwölf Kyjiwer U-Bahn-Stationen abgehalten.

Die Stationen wurden danach ausgewählt, wo am meisten Menschen verkehren. Gleichzeitig sind sie der Ort, an dem die Bevölkerung bei Angriffen Schutz sucht.

Das Projekt wird musikalisch unterstützt. Wer die Rolltreppe hinunterfährt, hört „Stayin' Alive“ von den Bee Gees. Das Lied ist kein Zufall: Sein Takt gibt den Herzrhythmus vor und hilft dadurch bei der Wiederbelebung.

Ein Mann übt an einer Puppe die Herzmassage: „Mit stark muss ich pressen? Wie macht man es bei einem Kind?“ Die Ärzte beantworten geduldig seine Fragen.

Kyjiwer Ärzte unterstützen das kostenlose Training für alle. „Als die Stadtverwaltung uns bat, diese Trainings abzuhalten, waren wir sofort dafür“, erzählt Wasyl Pichur, der Leiter der zweiten Rettungswache. „Wir werden zu Notfalleinsätzen gerufen und sehen, dass die Leute nicht wissen, wie man Erste Hilfe leistet. Das kann Patienten das Leben kosten.“

Bei den Schulungen werden vor allem die Ersteinschätzung und die Überprüfung des Zustands des Opfers, die Herz-Lungen-Wiederbelebung, Hilfe bei Atemwegsverschluss und Verbrennungen sowie das Anlegen von Druckverbänden vermittelt.

Einer der freiwilligen Ärzte, der anonym bleiben möchte, berichtet, dass Druckverbände, mit denen massive Blutungen gestoppt werden, erste Wahl seien: „Besser als Staubinden oder andere Verbände. Angesichts dieses Jahr des Krieges sollte jeder einen Druckverband bei sich tragen. Das ist nicht teuer – das Leben ist teuer.“

Die Trainings dauern immer vier Stunden. Ungefähr eine Stunde braucht man, um Grundkenntnisse der Ersten Hilfe zu erlernen. Im Schnitt nehmen jedes Mal ungefähr 80 Leute teil, manchmal auch bis zu 200.

Im U-Bahnhof Lwa Tolstoho ermuntert eine Ärztin im Stile einer Animateurin die gerade ausgestiegenen Fahrgäste zum Training. Das Interesse an der Veranstaltung ist groß, viele kommen aus Überzeugung.

„Wir sind heute eine halbe Stunde früher dagewesen und einige Leute haben bereits auf uns gewartet“, berichtet Wasyl Pichur. Zu Anfang hätten eher die jungen Leute an den Trainings teilgenommen. Heute kommen auch ältere Menschen, manche mit der ganzen Familie.

„Einmal war eine Großmutter bei uns, die ihr Enkelkind gerettet hat. Sie wusste nicht genau, was zu tun ist, doch sie hat alles richtig gemacht. Später kam sie zu uns, um zu lernen, wie man es richtig macht. Und beim nächsten Mal will sie ihre Tochter und ihre Enkelin mitbringen“, erzählt der Arzt.

„Ich möchte wirklich glauben, dass ich diese Kenntnisse niemals brauchen werde“, erzählt einer der Teilnehmer. „Ich kam zufällig vorbei und als ich das Training sah, musste ich einfach mitmachen. Wir leben in dieser Zeit … Eigentlich sollte man das alles schon in Friedenszeiten können, aber heutzutage erst recht.“

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